Eine Zeitreise in das Studienjahr 1949

Ein handgeschriebenes Büchlein und alte Fotos gewähren seltene Einblicke in den Studienalltag an der Ingenieurschule Beuth, einer Vorgängereinrichtung der BHT. Sie stammen von Ingenieur Gerhard Tallaszus, dessen Nachlass seit kurzem im Historischen Archiv aufbewahrt wird.

Collage: Buchdeckel mit stark abgenutztem Ledereinband und handschriftliche Formeln auf einer Buchseite, Text: Alumni-Stories
Ein Schatz im BHT-Archiv: Formelsammlung und Dokumentation eines Ingenieurstudiums Mitte des vergangenen Jahrhunderts Bild: Historisches Archiv der BHT

Der Umschlag aus Leder und Karton wirkt rustikal, die dicken Schrauben, die die Formelsammlung zusammenhalten, erst recht. Die vergangenen 75 Jahre haben Spuren auf der Oberfläche hinterlassen. Abrieb und Dellen deuten darauf hin, dass das Büchlein rege genutzt wurde. Schlägt man es auf, zeigen sich tadellose Seiten im A6-Format, allesamt säuberlich von Hand beschriftet. Die Buchstaben, die mit einem Lineal gezogenen Linien und die mathematischen Schaubilder sehen aus wie gedruckt. 

Das selbst hergestellte Werk stammt aus dem Nachlass von Gerhard Tallaszus, der in den späten 1940er-Jahren an der Ingenieurschule Beuth, eine der Vorgängereinrichtungen der heutigen Berliner Hochschule für Technik (BHT), eingeschrieben war. Das Maschinenbau-Studium schloss er im Jahr 1950 erfolgreich ab.

Seine Enkelin Rebecca Troll hat das betagte Buch dem Historischen Archiv der BHT übergeben, zusammen mit 15 Fotos aus dem Nachlass ihres Großvaters. Das Archiv, angesiedelt im Haus Gauß, sammelt sämtliche Unterlagen und Exponate aus der Geschichte der Hochschule. 

Auf den ersten Seiten seines Büchleins, das nicht nur als Formelsammlung diente, vermerkte Tallaszus den Stundenplan. So fand der Unterricht immer von 8 bis 13:20 Uhr statt, nur samstags war frei. Auf dem Plan standen etwa Elektrotechnik, Kreiselmaschinen oder Dampfkessel/Wärmewirtschaft.

Der Student notierte ebenfalls den Ablauf der Examensprüfung im Juli 1950. Der schriftliche Teil dauerte jeweils sechs Stunden an vier aufeinanderfolgenden Tagen. 

Nachlass gewährt faszinierende Einblicke

Gerhard Tallaszus, 1926 bei Potsdam geboren, stammte aus einer Großfamilie, die nach Angaben seiner Enkelin in einfachen Verhältnissen lebte. Sein Vater sei zudem früh verstorben. Nach der Schule erlernte der junge Mann den Beruf des Technischen Zeichners im Maschinenbau. Erst ein Stipendium erlaubte es ihm nach dem Zweiten Weltkrieg, ohne Abitur ein Studium an der Ingenieurschule Beuth aufzunehmen. 

Die 15 Fotos aus dem Nachlass gewähren einen faszinierenden Einblick in den Studienalltag des Jahres 1949. Sie zeigen verschiedene Dozenten, die an einem Pult stehend referieren. Der Fotograf saß offenbar in der ersten Reihe, vielleicht drückte er heimlich den Auslöser. Eine andere Perspektive bietet ein einzelnes Bild, das von der Tafel aus geschossen wurde. Es zeigt den Unterrichtsraum mit den Studenten, darunter Gerhard Tallaszus lächelnd in die Kamera schauend. Die Namen der Abgelichteten sind auf der Rückseite notiert. 

Nach dem Ingenieur-Examen erhielt Tallaszus eine Anstellung als Entwicklungsingenieur bei der Berliner Werkzeugmaschinenfabrik (BWF). Sie war nach dem Krieg aus der Hasse & Wrede Maschinenfabrik hervorgegangen – und wurde 1969 von der DDR in das Werkzeugmaschinenkombinat „7. Oktober“ eingegliedert. Gerhard Tallaszus arbeitete bis zu seinem Ruhestand für die BWF, die Schleifmaschinen, Industrieroboter und Drehautomaten herstellte. Er verstarb im Jahr 2015 in Berlin-Lichtenberg.

„Mein Großvater hat mich sehr geprägt“, schreibt Enkelin Rebecca Troll in einem Brief, den sie zusammen mit dem Nachlass an die BHT geschickt hat. Nach dem Abitur absolvierte sie wie ihr Opa eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin und studierte an der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH), wie die BHT bis 2009 hieß. Sie verließ die Hochschule 2006 mit einem Diplom in Gebäude- und Energietechnik in der Tasche. 

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