Für eine Woche waren wir, Mateus und Joella, auf einen Blended Intensive Learning Program (BIP) an der Universität Florenz. Wie das für Biotechnologie- und Medizinphysikstudierenden relevant ist? Na, wirst du unten weiter lesen.
40 Studierende verschiedener Fachrichtungen und Erasmus+ Hochschulen nahmen an den Online Seminaren und Präsenz-Tagen zum Thema „Lighting and Information Technologies for Vision and Perception Quality and Wellbeing“ an der Universität Florenz teil. Das Wissen aus den Online-Seminaren zu den Themen Lichtertechnologien, Physiologie des Auges, Psychologie bei der Wahrnehmung von bestimmten Farben und Lichteinstellungen wendeten wir in Florenz bei den täglichen Ausflügen zu bedeutenden Gebäuden in Florenz an.
Die Workshopwoche in Florenz
Doctoressa Balocco, Professorin der angewandten Physik und Dozentin des BIP erklärte praxisnah die Auswirkungen von Lichttemperaturen und -winkeln auf Wandmalereien und Skulpturen. Diese Erkenntnisse erlauben eine optimale Platzierung und Beleuchtung, um zum Beispiel jahrhunderte alte Ölfarbe zu schützen.
Ein weiterer Punkt Ihrer Recherche ist auch die Nachhaltigkeit, denn Licht emittiert Wärme. Umso weniger Wärme man im heißen Florenzer Sommer durch Lampen erzeugt, umso weniger Geld muss man für Strom für umweltschädliche Klimaanlagen ausgeben. Eine Lösung ist es, möglichst das bereits vorhandene Tageslicht zur Beleuchtung zu nutzen.
Auch auf das menschliche Wohlbefinden hat Licht große Auswirkungen: So sollten Städte nachts nur so beleuchtet werden, wie es nützlich und angenehm ist ohne z.B. Anwohner*innen Licht direkt ins Schlafzimmer zu scheinen. Empfehlenswert ist die Verwendung von gestreutem Licht, also dass die Lampe nicht einem direkt in die Augen scheint, sondern von einer Fläche gestreut wird, was gesünder für die Physiologie des Auges ist.
Ein Highlight war der Besuch im Palazzo Vecchio, wo ein Ingenieur des Instituts die Auswirkungen verschiedener Lichteinstellungen auf den Raum demonstrierte, die er für verschiedene Anlässe zusammen mit Prof. Ballocco entwickelt hat. Witzig war, dass uns einmal alle bei der Einstellung von kaltem Licht an die goldbemalte Decke in unisono „uöäh“ rausgerutscht war, und dann wieder in unisono lächelnd „ah“ reagierten, als er es auf warmes Licht wieder zurückbrachte. Der Ingenieur und Prof. Ballocco mussten beide in dem Moment kurz mit uns Lachen. Point made.
Auch außerhalb des Programms mischten wir uns untereinander und gingen zusammen in der Freizeit, welches immer die andere Hälfte des Tages war, gemeinsam essen, feiern, oder in andere Museen. Dabei mussten wir alle feststellen, dass wir unser Wissen vom Programm nicht mehr abschalten konnten, und haben überall die Lichter kritisiert, wenn es Spiegelungen oder „zu viele Moskitos auf der Decke“ gab (die Deckenbeleuchtung versteht sich). Es war wieder ein wunderschönes Erlebnis, sich mit anderen Studierenden verschiedener Fachrichtungen zu unterhalten und die Stadt Florenz gemeinsam zu erkunden.
Und aus diesem Programm, was können ein Biotechnologe und eine Medizinphysikerin mitnehmen?
Mateus, der Biotechnologe: "Ich konnte den Einfluss von Licht aus einer interdisziplinären Perspektive kennenlernen. Für mein Studium der Biotechnologie ist Licht ein wichtiger Umweltfaktor, der biologische Prozesse stark beeinflusst. In Pflanzen steuert Licht zentrale Prozesse wie Photosynthese, Wachstum und Morphologie, wobei unterschiedliche Lichtspektren verschiedene Entwicklungsprozesse beeinflussen können. Gleichzeitig wirkt Licht auch auf den menschlichen Organismus. Über die Retina werden Lichtsignale an das Gehirn weitergeleitet und beeinflussen neben der visuellen Wahrnehmung
auch den circadianen Rhythmus, der Schlaf, Aufmerksamkeit und Wohlbefinden.
Diese Erfahrung hat gezeigt, wie eng Physik, Biologie und Neurowissenschaften miteinander verbunden sind und wie wichtig das Verständnis von Licht für Anwendungen in Biotechnologie, Gesundheit und nachhaltiger Technologie sein kann."
Joella, die Medizinphysikerin: "Lichtertechnologie hat keine direkte Überbrückung in die Medizinphysik, wenn man sich nur auf
diese konzentriert. Aus meiner letzten Tätigkeit am MRT in der Radiologie habe ich mich unter anderem um klaustrophobischen Patienten und welche mit Epilepsie gekümmert, und ihre Untersuchungen durchgeführt. Eine der licht-technischen Maßnahmen, die wir als Techniker machen konnten, war das Licht runterdrehen, wenn sie sich damit beruhigter fühlten. Als dieses Programm uns empfohlen wurde, dachte ich gleich wieder an diesen Momenten zurück und wollte – auch wenn das Programm eigentlich aus der Lehre der Lichtertechnologie für Architektur- und Stadtinfrastruktur-Abteilungen stammt – wie man diese Erkenntnisse in den medizinischen Bereich bringen könnte.
Nach einem Gespräch mit Prof. Balocco hatte sie mir erklärt, dass in radiologischen und OP-Einheiten die Lichter schon auf deren Arbeit des Personals eingestellt werden. Studien zeigten, dass Chirurgen gerne ähnliche Lichtertemperaturen haben wie draußen, damit ihr Melatoninproduktion nicht allzu sehr gestört wird und sie noch einen guten Schlaf bekommen können. Radiologische Untersuchungsräume haben oft zum Wohlbefinden des Patienten wärmere Lichtertemperaturen. Mit diesen Erkenntnissen interpretierte ich insgesamt drei Faktoren für die Sicherheit der Patienten in der Radiologie: 1) die Hardskills: Fachwissen über die Technik und Medizin, 2) die Softskills: Einfühlungsvermögen und Umgang des Personals mit den Patienten, 3) der Raum: ein angenehmes warmes Umfeld in den Untersuchungsräumen. Wichtig ist, dass man nicht nur
weiß, dass man von Fachexperten behandelt wird, und dass man sicher ist, (Wartung der ggf. bildgebenden Maschinen), sondern auch, dass der Raum dies vermittelt.
Gefördert durch Erasmus+
Mehr Infos zu Erasmus+ und Blended Intensive Programmes findet Ihr hier: https://eu.daad.de/infos-fuer-hochschulen/projektdurchfuehrung/mobilitaet-von-einzelpersonen-KA131/blended-intensive-programmes-bip/de/79417-blended-intensive-programmes-bip/
Hinweis: Kurzzeitaufenthalte werden an der BHT bisher nur auf konkrete Ausschreibungen hin finanziert, Joella und Mateus hatten sich erfolgreich auf einen Bewerbungsaufruf des Referats Internationale Angelegenheiten für das BIP in Florenz beworben.
Den ungekürzten Bericht von Joella und Mateus könnt ihr hier lesen.