Gutes Sehen will gelernt sein

Praxisnäher geht es kaum: Im Studiengang Augenoptik/Optometrie lernen Studierende, Menschen mit Sehproblemen fachgerecht zu untersuchen und sie mit Brillen und Kontaktlinsen zu versorgen. Zentral dabei: Die Labore für Optometrie und für Sehhilfen.

Text und Interview: Fabian Schweyher

Augengesundheit im Fokus

Internationaler Besuch an der Berliner Hochschule für Technik (BHT): Am Standort Kurfürstenstraße betritt eine Para-Sportlerin aus Kasachstan das Labor für Optometrie. Dicht dahinter ein Betreuer, der mit der Hand auf ihrer Schulter die Richtung vorgibt. Die blinde Schwimmerin wird bei der Para Swimming World Series in Berlin antreten. Im Labor des Studiengangs Augenoptik/Optometrie soll geklärt werden, welche Ursache ihre Sehbehinderung hat und wie stark das Sehen eingeschränkt ist. Das Ergebnis entscheidet, in welcher Klasse des Wettbewerbs sie starten darf.

Eine Sehbehinderung kann verschiedene Ursachen haben. „Die Augen können nicht normal entwickelt oder geschädigt sein. Genauso ist es möglich, dass die Sinneseindrücke im Gehirn nicht richtig verarbeitet werden“, sagt Prof. Dr. Holger Dietze, der das Labor für Optometrie im Fachbereich VII leitet. In diesem Lehrgebiet stehen Augenoptik und Augengesundheit im Fokus.

Optometrist*innen – häufig tätig in Augenzentren, Augenkliniken oder Augenoptikbetrieben – bestimmen nicht nur die Korrektionswerte für Brillen, Kontaktlinsen und vergrößernde Sehhilfen. Sie erkennen auch gesundheitliche oder altersbedingte Ursachen von Sehproblemen und verweisen Patient*innen im Verdachtsfall an Augenärzt*innen.

Labor für Optometrie

Im Labor für Optometrie üben die Studierenden, eine vollständige optometrische Untersuchung durchzuführen. Sie lernen, Sehfunktionen zu beurteilen, Brechungsfehler zu korrigieren und die Augengesundheit einzuschätzen.

Dafür stehen ihnen zehn Untersuchungsräume zur Verfügung wie man sie aus Arztpraxen kennt: mit Behandlungsstuhl, vorschiebbaren Apparaturen, Messgläsern und einem digitalen Sehtestgerät.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Geräte für spezielle Anwendungen, wie zum Beispiel die optische Kohärenztomographie – ein Bildgebungsverfahren, mit dem sich hochauflösende Querschnittsbilder des Auges erstellen lassen. „Unsere Geräteausstattung kann sich mit einer Augenklinik messen lassen“, sagt Professor Dietze.

Blick auf die Netzhaut

Im Labor blickt die fast blinde Schwimmerin aus Kasachstan derweil in das Objektiv einer Funduskamera. Mit ihr lässt sich der Augenhintergrund sichtbar machen. Auf einem Monitor erscheint die Netzhaut mitsamt Sehnerv und Blutgefäßen. Ein Augenarzt aus Australien, der ehrenamtlich für den Schwimmwettbewerb im Einsatz ist, sieht genau hin. Der Augenhintergrund sei unauffällig. „Ich sehe keinen Nachweis, dass das Sehvermögen der Frau so stark eingeschränkt ist, dass sie in der vorgesehenen Sportkategorie antreten könnte“, erklärt er sein Dilemma. Die Ursache der Blindheit liege vermutlich in einer Gehirnverletzung, die sie sich als Kind zugezogen habe. Dafür benötige er jedoch eine MRT-Aufnahme des Gehirns.

Labor für Sehhilfen

Im Labor für Sehhilfen stehen Brillen, Kontaktlinsen und spezielle Sehhilfen im Mittelpunkt. Die Studierenden üben dort den handwerklich-technischen Umgang: Sie schleifen und zentrieren Gläser und passen Brillen optisch wie anatomisch an Kund*innen an. „Wichtig ist ebenso, die Gesprächsführung mit den Menschen zu trainieren“, sagt Professor Kempgens, etwa ein Problem schnell zu erfassen und eine Lösung zu finden. Für die Untersuchung der Augen gibt es im Labor zehn Untersuchungskabinen. Ein großer Raum erinnert mit seinen Beratungstischen und den zahlreichen Brillenfassungen an den Wänden an ein Brillengeschäft.

Lernen an echten Fällen

Zu den wichtigsten Übungen in beiden Laboren zählen die Klinischen Praktika. Bis zum vierten Bachelor-Semester wenden die Studierenden ihr erlerntes Wissen an, indem sie sich gegenseitig untersuchen. Im fünften und sechsten Semester lernen sie, Kund*innen unter realen Bedingungen zu untersuchen und bei Bedarf mit Brillen und Kontaktlinsen zu versorgen.

Die Untersuchungen sind umfangreicher und dauern länger als in einem Fachgeschäft. Dafür erhalten die Proband*innen in vielen Fällen Brillen oder Kontaktlinsen kostenlos. Unternehmen stellen ihre Produkte kostenlos zur Verfügung, weil sie den Wert der klinischen Ausbildung schätzen, sagt der Professor. Ohne diese Unterstützung sei dieses Angebot nicht möglich.

An diesem Tag warten in der Eingangshalle am Standort Kurfürstenstraße noch rund 40 Athlet*innen aus der ganzen Welt, die bei der Para Swimming World Series in Berlin antreten werden. Nacheinander werden sie optometrisch untersucht. Die Kapazitäten des Studiengangs machen das möglich. „In Berlin, mit seinen überfüllten Augenarztpraxen, wäre es ansonsten schwierig, so viele Menschen auf einmal zu untersuchen“, sagt Prof. Dr. Christian Kempgens. Die BHT stellt Räume und Geräte zur Verfügung. Drei Studentinnen assistieren. Inzwischen hat die kasachische Para-Sportlerin das Labor für Optometrie verlassen. Die nächste Schwimmerin ist an der Reihe.

Einzigartiger Gesundheitsberuf

Rund 140 Studierende sind im Bachelor oder Masterstudiengang Augenoptik/Optometrie eingeschrieben.

Innerhalb der BHT nimmt das Fach eine besondere Stellung ein. „Wir sind ein Exot an der Hochschule“, sagt Prof. Dr. Christian Kempgens, der das Labor für Sehhilfen leitet. Deutschlandweit gebe es nur vier vergleichbare Studiengänge.

Der Praxisanteil ist außergewöhnlich groß. „Wir betreiben angewandte Wissenschaft am Menschen, und wir müssen sicherstellen, dass die Studierenden in der Berufspraxis sicher arbeiten“, begründet sein Kollege Holger Dietze. Die beiden an den Studiengang angeschlossenen Labore seien als Ausbildungsorte daher besonders wichtig.  

Ausstattung

Im Labor für Optometrie und im Labor für Sehhilfen stehen jeweils zehn Untersuchungsräume zur Verfügung. Sie sind mit modernen Geräten ausgestattet, zum Beispiel: 

  • Spaltlampen zur Untersuchung des vorderen Augenabschnitts
  • Ophthalmoskope und Funduskameras für den Blick auf den Augenhintergrund
  • Tonometer zur Messung des Augeninnendrucks
  • Perimeter zur Prüfung des Gesichtsfeldes.

In den Laboren sind außerdem bildgebende Verfahren möglich, etwa mit optischer Kohärenztomographie (OCT), Hornhauttomographen, Heidelberg Retina Tomographen (HRT) und Aberrometern zur Analyse optischer Abbildungsfehler.

Mit Phoroptern, Messgläserkästen, verschiedenen Sätzen von Anpass-Kontaktlinsen und weiteren Sehtestgeräten lässt sich die optimale Sehhilfe bestimmen.

Das Labor für Sehhilfen verfügt zusätzlich über eine Werkstatt zur Fertigung von Brillen sowie einen Raum zur Anprobe und Anpassung von Brillen.

Ebenso gibt es Messgeräte, mit denen sich Kontaktlinsen und spezielle Sehhilfen, zum Beispiel Lupenbrillen, anpassen lassen.

Vier Fragen an...

Meera Lisa Franksen, Mitarbeiterin im Labor für Optometrie

Was sind Ihre Aufgaben?

Einen Großteil meiner Zeit im Labor für Optometrie verbringe ich damit, den praktischen Unterricht zu begleiten. In den ersten Semestern lernen die Studierenden viele Untersuchungstechniken, mit denen sich Fehlsichtigkeit, Sehleistung und Augengesundheit untersuchen lassen. Dafür ist viel Übung nötig. Wenn es einzelnen Studierenden gar nicht gelingt, ist es manchmal notwendig, sich für die Messungen mit in die Untersuchungskabine zu setzen, um herauszufinden, wo es Probleme gibt. Ab dem fünften Semester laden wir für die Klinischen Praktika externe Probandinnen und Probanden ein. Ich spreche mit ihnen über ihre Sehprobleme und kläre, ob sie geeignet sind und in welches Praktikum sie am besten passen.

Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit im Laborteam?

Wir sind ein kleiner Studiengang. Dadurch kennt man sich sehr gut. Vieles läuft auf Vertrauensbasis. Hilfreich ist, dass wir uns als Team regelmäßig austauschen, um organisatorische Dinge zu besprechen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

Welchen Herausforderungen stehen Sie aktuell gegenüber?

Alles im Blick zu behalten, ist schwierig. Es ist einfach sehr viel zu tun. Dabei gibt es immer wieder akut anfallende Aufgaben, wie zum Beispiel ein defektes Untersuchungsgerät, weshalb andere Dinge liegen bleiben. Eine große Herausforderung sind die mehr als 25 Labor-Computer, die in meinen Aufgabengebiet fallen. Die IT fällt mir als Optometristin nicht leicht.

Was macht Ihnen besonders Spaß?

Die Arbeit mit den Studierenden macht mir viel Spaß. Am Anfang verstehen sie zwar die Theorie, aber in die Praxis kommen sie mit großen Fragezeichen. Für Untersuchungen, beispielsweise für die Inspektion des Augenhintergrunds mit dem Spaltlampenmikroskop, braucht es Übung und Fingerspitzengefühl. Es ist jedes Mal ein schöner Moment, wenn Studierende zum ersten Mal einen Teil der Netzhaut scharf sehen und sich darüber freuen. Ich finde es wichtig, jungen Menschen Fähigkeiten für ihre Zukunft mitzugeben.

Luisa Kelm, Mitarbeiterin im Labor für Sehhilfen

Was sind Ihre Aufgaben?

Im Labor für Sehhilfen bin ich für den Bereich Brille zuständig. Zu meinen Aufgaben gehört die Vorbereitung und Betreuung der Übungen. Dabei unterstütze ich die Studierenden im Umgang mit Brillenfassungen. Im Fokus stehen das Anpassen, das Zentrieren und das Einarbeiten der Gläser. Ich begleite ebenfalls die Klinischen Praktika, in denen die Studierenden lernen, Probandinnen und Probanden mit Sehhilfen zu versorgen. Meine Tätigkeit beinhaltet also auch die Beratung.

Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit im Laborteam?

Der Austausch im Studiengang ist sehr offen. Wir unterstützen uns gegenseitig und begegnen einander sehr wertschätzend. Zwischen den Bereichen Optometrie, Brille und Kontaktlinse gibt es viele Überschneidungen. Bei anspruchsvollen Fällen tauschen wir uns aus, entwickeln gemeinsam Ideen und überlegen, was hinter einem Befund stecken könnte oder welche Versorgung mit Sehhilfen am sinnvollsten wäre.

Welchen Herausforderungen stehen Sie aktuell gegenüber?

Es ist herausfordernd, das Labor auf dem neuesten Stand zu halten. Bei Brillengläsern und Geräten entwickelt sich die Technik schnell. Da darf man den Anschluss nicht verlieren. Für mich gehört es dazu, die technische Entwicklung zu begleiten und mich kontinuierlich in neue Technologien und Verfahren einzuarbeiten.

Was macht Ihnen besonders Spaß?

Mir gefällt die Verbindung aus Wissenschaft, Praxis und Menschen. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich: Mal begleite ich die Studierenden in den Praktika, mal geht es um organisatorische oder technische Aufgaben. Dieser Mix macht den Reiz aus. Es macht mir Freude, mein Wissen weiterzugeben und gleichzeitig selbst ständig dazuzulernen. Auch die Zusammenarbeit im Team trägt viel dazu bei, dass ich gern hier arbeite. Besonders schön ist es für mich zu sehen, wie sich die Studierenden im Laufe des Studiums entwickeln und immer sicherer im Umgang mit den Probandinnen und Probanden werden.

Zurück